Das Silber der Zwerge

Der Winter war besonders früh herein gebrochen in diesem Jahr und das Bergdörfchen, in dem die Holzfäller mit ihren Familien wohnten, versank unter einer dicken Schneedecke. Alle Wege waren so tief verschneit, dass niemand mehr zum Dorf gelangen oder es verlassen konnte.
Den ganzen Sommer über waren die Männer im Wald gewesen, hatten Bäume gefällt und zum Sägewerk unten im Tal gebracht. Alle Jahre hatten sie es so gehalten. Der Sägemüller bezahlte die gelieferten Stämme, und die Frauen der Holzfäller kauften für das Geld Nahrungsmittel, Stoffe und Wolle. Die Kinder durften die Holzabfälle aus dem Sägewerk holen und stapelten diese hinter ihren Hütten auf. So gab es genug Brennholz für den Winter und auch an Nahrung und Kleidung herrschte keine Not.
Im letzten Winter aber hatte der alte Sägemüller sich zur Ruhe gesetzt. Er war in die Stadt gezogen und hatte seinem Sohn das Sägewerk überlassen. Dieser aber war ein habgieriger Kerl, der wenig arbeiten, aber viel Geld einnehmen wollte. So zahlte er den Holzfällern für ihre Stämme nur noch den halben Preis und verbot den Kindern, die Abfälle zu holen.
Das wenige Geld, das die Holzfäller für ihre schwere Arbeit erhielten, reichte gerade noch, um warme Kleidung für den Winter zu beschaffen, doch Nahrungsvorräte konnten davon nicht gekauft werden. So blieb den Frauen nichts anderes übrig, als neben ihren Hütten Beete anzulegen und Kartoffeln anzubauen, die im kargen Gebirgsboden aber nicht besonders gut gediehen. Die Kinder wurden in den Wald geschickt, um Beeren und Pilze zu sammeln, die sie für den Winter trockneten. Im Herbst wollten alle gemeinsam Reisig sammeln, um Brennholz für den Winter zu haben. Doch der Herbst ging früh zu Ende. Heftige Stürme brachten Eisregen und Schnee, noch bevor die Brennholzvorräte auch nur halbwegs groß genug waren.
So kam es, dass schon in der Vorweihnachtszeit das Holz knapp wurde und die Holzfäller in ihren Hütten zusammenrücken mussten, weil nur noch in jedem zweiten Haus ein Herdfeuer unterhalten werden konnte.
"Sobald es aufhört zu schneien", sagte Georg, der Dorfälteste zu seiner Frau Hanna, "werde ich mit ein paar Männern in den Wald hinaus gehen und einen Baum schlagen."
"Das könnt ihr nicht!" rief Hanna entsetzt. "Ihr werdet im tiefen Schnee versinken und jämmerlich erfrieren." "Wenn wir nicht gehen", sprach der Mann "erfrieren alle."
Doch auch am nächsten und übernächsten Tag wirbelten dicke Flocken vom Himmel und kein Ende war abzusehen.
Im Hause des Dorfältesten gab es einen großen Raum, in dem auch Rat gehalten wurde. Dort versammelten sich die Holzfäller samt ihren Familien. Sie brachten die letzten Holzvorräte mit und rückten dicht zusammen. Doch am vierten Advent waren auch die letzten Reste aufgebraucht. Die Frau des Dorfältesten warf die letzten Zweige in die Glut und hängte einen Kessel mit Suppe darüber.
"Wenn kein Wunder geschieht, sind wir am Heiligen Abend alle erfroren." sagte sie leise zu ihrem Mann.
Er aber ging wortlos zur Truhe in der Ecke, nahm drei wollene Pullover heraus und drei Paar dicke Socken, die er übereinander zog. Er wickelte einen drei Meter langen Wollschal um seinen Hals, drückte sich die Pudelmütze tief in die Stirn, warf seinen Umhang über und stieg in die kniehohen Stiefel, die bei der Tür standen. Ohne sich noch einmal umzusehen oder von irgend jemandem Abschied zu nehmen, verließ er die Hütte und stapfte in den Schneesturm hinaus.
Eine Weile kämpfte er sich mühsam durch den Schnee, ohne auch nur den Blick zu heben. Er suchte eine Stelle im Wald, bei der er im Herbst einige Reisighaufen gesehen hatte. Die wollte er holen. Wie er so vor sich hin stapfte, sah er plötzlich ein paar Schritte vor sich ein Glitzern. Er schüttelte den Kopf und kniff die Augen zusammen. Als er sie wieder öffnete, sah er es deutlich. Da lag etwas Glänzendes im Schnee, das dort nicht hin gehörte. Als er näher kam, entdeckte er, dass es eine Halskette aus purem Silber war. Wer mochte die wohl verloren haben, im Schneetreiben mitten im Wald? Suchend schaute Georg sich um, konnte aber keine Menschenseele entdecken. Nicht einmal eine Spur gab es im frischen Schnee. Er wog das Geschmeide in der Hand und dachte einen Moment darüber nach, wie viel es wohl einbringen mochte, wenn er es in der Stadt verkaufte.
"Ich brauche kein Geschmeide", grummelte er vor sich hin. "Ich brauche Holz, sonst erfrieren mir die Lieben daheim." Dann schüttelte er von einem dicken Tannenzweig den Schnee herunter, so dass er mit seinem dunklen Grün in der weißen Landschaft gut zu sehen war, und hängte die Halskette an den Zweig. 'So ist sie gut zu finden, wenn einer zurück kommt und sie sucht', dachte er bei sich. Dann stapfte er weiter in den Wald hinein.
Schon nach ein paar Schritten kam es ihm vor, als wäre der Schnee nicht mehr so tief. Das Laufen ging leichter. Und als er den Blick hob, sah er gerade vor sich einen Stapel Holzscheite. Die waren schon zurecht gehackt, dass man sie nur noch in den Herd werfen musste. Mit einem Seil waren sie zu einem festen Bündel zusammen geschnürt, und als er genauer hinsah, entdeckte er zwei lederne Gurte an dem Bündel. Wieder schaute Georg sich um, ob er jemanden fände, dem das Holz gehöre. Dreimal rief er laut in den Wald hinein. Doch er erhielt keine Antwort. "Es ist nicht für mich", sagte er zu sich selbst. "es ist für mein Dorf. Für die Kinder und für die Frauen und für die Alten." Dann warf er sich die Gurte über die Schultern, und siehe da, sie passten, als wären sie für ihn gemacht. Ein kurzer Ruck, das Holzbündel begann wie ein Schlitten über den Boden zu rutschen, und so zerrte er es heim ins Dorf.
Wie groß war da die Freude, als Georg mit dem Holz kam. Die Feuer wurden angefacht, Suppen wurden gekocht, heißer Tee wärmte die Menschen und Georg erzählte die Geschichte, wie er das Holz im Wald gefunden hatte. Von dem Geschmeide, das er an den Zweig gehängt hatte, sagte er freilich nichts. So groß die Freude über die Wärme des Feuers war, bereits am nächsten Tag war das Holzbündel aufgebraucht.
"Kommt jemand mit in den Wald?" rief Georg. "Wir müssen unser Glück noch einmal versuchen!" Doch die Holzfäller zauderten. "Was ist, wenn der zurück kommt, dem du es weggenommen hast?" fragte Veit, ein grobschlächtiger Kerl mit Händen, so groß wie Klodeckel und mit Armen wie Schraubzwingen. Veit hatte Bärenkräfte und bei der Arbeit im Sommer schleppte er Stämme, die sonst drei Holzfäller gemeinsam nicht vom Fleck bewegen konnten. Doch als es darum ging, Feuerholz aus dem winterlichen Wald zu holen, bekam er es mit der Angst zu tun.
"Wer immer das war, der das Holz im Wald hat liegen lassen", jammerte Veit, "er könnte zurück kommen und uns auflauern. Was sollen wir dann tun?"
Nur mit Mühe konnte Georg es sich verkneifen, Veit vor allen anderen einen Hasenfuß zu nennen. "Dann bleib Du hier zum Schutz für die Frauen und Kinder!" entschied Georg. Dann wandte er sich an die anderen Männer. "Lasst uns gehen. Um so schneller sind wir wieder hier."
Doch keiner war bereit, dem Dorfältesten in den Wald zu folgen. "Veit hat recht", murrten einige. "Wir sollten hier bleiben." Andere sagten nichts, doch sie konnten Georgs Blick nicht standhalten und schlugen die Augen nieder. Da begriff Georg, dass er nicht mit der Unterstützung seiner Kollegen und Freunde rechnen konnte. "Sei es, wie es sei", brummte er. "Ich gehe!" Und schon stapfte er los.
Er kam an der Stelle vorbei, wo er die Halskette gefunden hatte. Obwohl weiterer Schnee gefallen war, konnte Georg an der dünneren Schicht noch den Zweig erkennen, an den er die Kette gehängt hatte. Sie war fort. Georg stapfte weiter. Da sah er ein Loch in der Schneedecke, als wäre etwas Schweres eingesunken. Er schaute nach und entdecke eine Handvoll Klumpen aus purem Silber, ein jeder so groß wie ein Taubenei. 'Wer mag das wohl hier verloren haben, mitten in der Einöde?' grübelte er. 'Es würde ein schönes Sümmchen einbringen, wenn ich es in der Stadt verkaufen könnte."
"Doch nein!" sagte er laut, "Das Silber wärmt uns die Stuben nicht und kocht uns keine Suppe." So scharrte er mit bloßen Händen den Schnee beiseite, damit der, welcher nach dem Silber suchen mochte, es auch gewiss wieder fände. Dann ging er tiefer in den Wald hinein. Doch schon nach ein paar Schritten fiel ihm das Gehen leichter, und wieder ein Stück weiter gewahrte er einen Holzstapel, fast doppelt so groß, wie der am Tag zuvor. Der war bereits auf einen Schlitten gebunden, so dass man nur noch den Riemen über die Schulter nehmen und ihn nach Hause ziehen musste. Und wieder war weit und breit keine Spur von jemandem, dem dieses Holz gehören konnte.
"Es ist nicht für mich", sagte Georg wieder "es ist für die Lieben daheim!" Er schulterte den Riemen und zog den Schlitten mit seiner wertvollen Fracht heimwärts.
Kaum hatte er den Waldrand erreicht, kam ihm Veit mit langen Schritten entgegen.
"Ich helfe dir!" rief er schon von weitem, und als er bei Georg angelangt war, riss er diesem den Lederriemen von der Schulter und zerrte die wertvolle Last die letzten Meter ins Dorf.
Wieder war die Freude groß, wieder loderten die Feuer in den Hütten, heißer und heller, als am Tag zuvor und wieder musste Georg erzählen, wie er das Holz gefunden hatte. Veit wurde nicht müde zu betonen, dass er Georg geholfen hatte. Auf welche Weise, das behielt er freilich für sich, so wie Georg das Silber unerwähnt ließ, das im Schnee gelegen hatte. Am nächsten Morgen machte Georg einen Rundgang durch das Dorf. Da sah er, dass die Rauchsäulen aus den Kaminen schwächer wurden und eine nach der anderen ganz verschwand. Nun wurde ihm klar, dass das Holz schon wieder aufgebraucht war. Er rief die Männer zum Rat in seine große Stube und sprach zu ihnen: "Zwei Tage war ich allein im Wald. Zwei mal habe ich Holz geholt für das ganze Dorf. Doch zweimal war es am nächsten Tag verbraucht. Morgen ist Weihnachten, und wenn wir nicht erfrieren wollen, müssen wir heute noch einmal Holz holen, soviel wir auftreiben können. Das kann ich nicht allein schaffen. Kommt mit mir." Doch die Männer hatten die gleichen Einwände wie am Tag zuvor, und keiner war bereit, dem Dorfältesten in den Wald zu folgen. "Dann gehe ich eben allein!" rief Georg und stapfte los. Da sprang Veit auf und rief: "Warte! Ich komme mit!" Am Waldrand freilich blieb er stehen. "Willst du wirklich weiter gehen?" fragte er. "Der Schnee liegt so hoch, man sieht doch weder Weg, noch Steg."
Georg gab keine Antwort, sondern stapfte weiter durch den kniehohen Schnee, während Veit sich umwandte und ins Dorf zurück kehrte.
Wieder kam Georg an der Stelle vorbei, wo er die Kette gefunden hatte. Dann fand er den Fleck, an dem die Silberklumpen gelegen hatte. Der war noch nicht wieder ganz vom Schnee bedeckt, das Silber aber war fort. Nur ein paar Schritte weiter fand Georg einen großen Stein, und als er ihn aufhob, entdeckte er Streifen von purem Silber, die sich wie Adern durch den Stein zogen. "Erz!" flüsterte er. "Es gibt Silbererz hier im Gebirge." Kaum hatte er diesen Gedanken ausgesprochen, so ließ er erschrocken den Stein fallen. Wo es Erz gab, da gab es auch Zwerge, die es aus dem Berg gruben. Und jedermann wusste, dass mit den kriegerischen Zwergen nicht gut Kirschenessen war, schon gar nicht, wenn man ihnen ihr Holz weg nahm. Denn, das wurde Georg nun schlagartig klar, niemand anderer konnte die Holzbündel im Wald hinterlassen haben, als eben die Zwerge. Was sollte er tun? Er musste Holz haben, sonst würden die Holzfäller samt ihren Familien in der heiligen Nacht erfrieren. So fasste er sich ein Herz und rief: "Hey, ihr Zwerge. Ich habe euer Holz genommen. Aber es war nicht für mich. Es war für die Lieben daheim!" "Schrei nicht so!" grummelte eine Stimme neben ihm. "Wir sehen zwar schlecht in dem hellen Licht über Tage. Dafür hören wir um so besser."
Erschrocken sah Georg sich um und gewahrte neben sich einen Mann, der ihm nicht einmal bis zum Gürtel reichte. Er war in dicke Felle gekleidet, und ein grauer Rauschebart hing fast bis auf seine Füße hinab. "Das Geschmeide hast du uns zurück gegeben", sagte der Kleine. "Und unser Silber hast du nicht angerührt. Nur Holz wolltest du, für die Lieben daheim. Deine Großherzigkeit soll belohnt werden. Du sollst einen Schlitten voller Holz haben und ein Maultier, das ihn zieht. Am Waldrand vor dem Dorf lasse das Maultier frei. Es findet seinen Weg zurück. Den Schlitten kannst du behalten." Georg fand kaum genug Worte, dem Männlein zu danken und wollte sich schon auf den Heimweg machen. Da hielt der Zwerg ihn noch einmal an.
"Warte!" rief er. "Du kannst nicht jeden Tag allein her kommen und Holz holen, das die Deinen in einem einzigen Tag wieder aufbrauchen, egal, wie viel du heim bringst. Komm morgen noch einmal, aber komm nicht allein." "Oh weh", antwortete Georg. "Die Männer in meinem Dorf wollten schon gestern und heute nicht mitkommen."
"Die Männer in deinem Dorf sind Hasenfüße!" sagte der Zwerg. "Ängstlich wie Waschweiber. Aber Du hast einen Sohn, der alt genug ist, ein Handwerk zu lernen. Bring ihn mit und seine neun Freunde, die ebenso beherzt sind, wie er." Den ganzen Heimweg lang, dachte Georg über die Worte des Zwerges nach. Die Knaben waren abenteuerlustig, und das verschneite Dorf bot ihnen kaum Abwechslung. Ja, sie würden wohl gern mit ihm kommen. Seiner Frau wollte er freilich nichts davon erzählen, und den anderen Holzfällern mit ihren Bedenken und Ängsten erst recht nicht.
Am Waldrand gab er das Maultier frei, gerade noch rechtzeitig, bevor Veit es entdecken konnte, der schon wieder angelaufen kam, um den Schlitten die letzten Meter ins Dorf zu ziehen und den Dank der Dorfbewohner entgegen zu nehmen. Wieder wurden die Feuer entfacht, gekocht, gebraten und gebacken, denn morgen war ja Weihnachten, und es musste noch so viel vorbereitet werden. Als alle Arbeit getan war, saßen die Leute noch lange am Feuer beieinander und schwatzten, und Veit erzählte ein ums andere Mal, wie er die Holzfuhren ins Dorf gebracht hatte. Georg hingegen hüllte sich in Schweigen. Er ließ weder ein Wort über das Erz verlauten, noch sprach er von seiner Begegnung mit dem Zwerg. Nur einen weihte er in sein Geheimnis ein, Alexander, seinen 13-jährigen Sohn.
Am nächsten Morgen, als alles noch schlief, schickte Georg seinen Sohn los, die anderen Jungen zu einem Abendteuer zusammen zu rufen. Bald waren alle marschbereit und stapften los, hinein in den Wald.
Sie kamen an der Stelle vorüber, an der Georg die Halskette gefunden hatte, doch er sagte nichts. Dann sahen sie den Fleck, auf dem das Silber gelegen hatte, doch wieder schwieg Georg. Dann erreichten sie den Ort, an dem Georg auf den Zwergen getroffen war. Hier hielt er an und bedeutete den Knaben, still zu sein. Es dauerte nicht lange, da hörte Georg eine vertraute Stimme. "Du hast Wort gehalten und die Knaben mitgebracht. Es soll dein Schaden nicht sein." Als die Jungen den Zwerg sahen, wollten sie es zuerst nicht glauben. Doch schon im nächsten Moment hatten sie wieder allerlei Streiche im Kopf und neckten den kleinen Mann. Doch niemand treibt ungestraft Schabernack mit einem Zwerg! Neben einem mannshohen Felsbrocken, der unter dem Schnee versteckt gewesen war, tat sich der Eingang zu einem unterirdischen Stollen auf. Im Nu waren die Knaben von Zwergen umringt. Es waren ihrer 20, 30 oder mehr. Sie zerrten an ihren Händen, sprangen ihnen ins Genick, kniffen und zwickten sie und trieben sie auf den Höhleneingang zu. Machtlos musste Georg mit ansehen, wie sein Sohn in den Berg gezerrt, geschubst und gestoßen wurde und nach ihm auch alle seine Freunde.
Mit einem dumpfen Grollen schloss sich der Höhleneingang. Im Wald herrschte tiefe Stille, und Georg war allein. Doch nein, der alte Zwerg war auf der Lichtung zurück geblieben. "Gräme dich nicht", versuchte er Georg zu trösten. "Den Knaben wird kein Leid geschehen. Du aber solltest heim gehen, denn heute ist Weihnachten. Du sollst auch heute keine Last mit dir nehmen. Geh zurück ins Dorf, das Holz ist schon dort!" Sprach's und verschwand.
Georg machte sich auf den Heimweg. Doch obwohl er heute kein Holz zu transportieren hatte, fiel ihm das Gehen mit jedem Schritt schwerer, so sehr drückte ihn die Sorge um Alexander und seine Freunde, die ihm in gutem Glauben in den Wald gefolgt waren. Der Zwerg hatte zwar versprochen, dass ihnen nichts geschieht, doch was galt schon das Wort eines Zwerges? Die Jungen waren fort, und das war allein Georgs Schuld. Und das am Weihnachtstag!
Als Georg sich dem Dorf näherte, sah er, dass tatsächlich sämtliche Holzlager bis an den Rand gefüllt waren. Zumindest darin hatte der Zwerg Wort gehalten.
Auch diesmal kam Veit ihm entgegen, um wie gewohnt die Holzlieferung an sich zu reißen. Als er aber sah, dass Georg mit leeren Händen kam, bedrängte er ihn zu erzählen, was im Wald geschehen war. Auch die anderen Männer aus dem Dorf kamen angelaufen. Sie fragten jedoch nicht nur nach dem Holz, sondern wollten vor allem wissen, wo die Knaben geblieben wären. Es blieb Georg nichts anderes übrig, als die ganze Geschichte zu erzählen, auch von der Halskette, dem Silber und dem Erz. Da wurden die anderen sehr wütend auf ihn, besonders jene, deren Söhne von den Zwergen verschleppt worden waren. Veit aber, der selbst weder Frau noch Kind hatte, brüllte Georg an: "Du bist nicht mehr unser Dorfältester! Geh mir aus den Augen." "Ja, verschwinde!" riefen nun auch andere, warfen ihn aus seinem Haus und bestimmten, dass er von nun an im Stall wohnen sollte und alle Arbeit verrichten, die sonst nur Knechte zu tun haben. Hanna durfte im Haus bleiben, in das noch am selben Abend Veit Einzug hielt. Die Männer schenkten sich heißen Met ein, um ihren Kummer zu vergessen und endlich Weihnachten zu feiern. Georg aber ging in den Stall zu den Tieren, legte sich ins Stroh und schlief vor Kummer und Erschöpfung ein.
Der Winter nahm seinen Lauf. Der Januar brachte so viel Schnee, dass die Äste der Bäume unter seiner Last brachen. Der Februar kam mit Ostwind und klirrender Kälte daher. Doch in den Hütten der Holzfäller brannten die wärmenden Feuer. Es gab immer genug Holz zum Nachlegen und nur Georg, der im Stall bei den Tieren wohnte, wusste, dass die Milch mit dem dicken Rahm immer schon in den Kannen war, wenn er am Morgen aufstand, um die dürren Kühe zu melken. Nur er wusste auch, dass jeden Morgen mehr Eier in den Körben lagen, als es Hühner im Dorf gab. Er wusste es, doch er sagte es niemandem. Nur Hanna, die für Veit den Haushalt in Ordnung halten und das Essen kochen musste und wie eine Magd behandelt wurde, ahnte etwas. Jeden Abend, wenn alles schlief, schlich sie sich in den Stall zu ihrem Mann, brachte ihm eine heiße Suppe, einen Kanten Brot und manchmal einen Krug selbstgebrautes Bier. Dann saßen sie eng umschlungen beieinander und hingen ihren Gedanken nach.
Der Frühling zog ins Land, die Gebirgswiesen blühten, die Bäche plätscherten und die Holzfäller zogen in den Wald, um ihrem Handwerk nachzugehen. Georg, den Geächteten nahmen sie nicht mit. So hatte er viel Zeit, allein durch den Wald zu streifen. Er ging oft zu dem Felsen, hinter dem der Eingang zur Zwergenhöhle lag, doch der Fels ließ sich nicht bewegen, und es ließ sich auch kein Zwerg blicken.
Der Sommer ging vorüber, und manchmal hörte Georg die Holzfäller klagen, der Sägemüller sei noch geiziger geworden und bezahle noch weniger, als im letzten Jahr. Manchmal hörte er auch die Frauen jammern, die nun selbst nach Beeren und Pilzen suchen mussten, denn die Knaben waren ja nicht mehr da und die anderen Kinder noch zu klein. Auch wollte man die Kinder nicht mehr allein in den Wald lassen, jetzt, da man wusste, dass es hier Zwerge gab. Der Herbst kam mit viel Regen und heftigen Stürmen, und Georg dachte mit Sorge an den kommenden Winter. Aber als der erste Schnee zu fallen begann, entdeckte er, dass das Holz in den Lagern mehr wurde, statt weniger. Der Rahm auf der Milch wurde von Tag zu Tag dicker und auch Eier gab es wieder reichlich. Da wusste Georg, dass der alte Zwerg noch immer Wort hielt und dass sein Dorf gut über den Winter kommen würde.
Wie so oft wanderte Georg in den verschneiten Wald hinaus, in der Hoffnung, eine Spur von den Zwergen oder gar von den Jungen zu finden. Da sah er plötzlich ein Glitzern im Schnee und als er näher kam, fand er eine Halskette aus purem Silber, noch zehnmal prächtiger, als die vom letzten Jahr. "Ach", seufzte er "was soll ich mit dem Halsschmuck? Wären doch lieber unsere Söhne wieder daheim!" Er schüttelte den Schnee von einem Ast, hängte die Kette daran und ging heim. Am nächsten Tag zog es ihn wieder in den Wald, denn es war drei Tage vor Weihnachten und im vergangenen Jahr hatte er um diese Zeit den alten Zwergen getroffen. Und wirklich! An der gleichen Stelle wie im letzten Jahr fand er einen Haufen Silberklumpen, größer, schwerer und ungleich wertvoller, als damals. "Ach", seufzte er wieder "was soll ich mit dem Silber? Wären doch lieber unsere Söhne wieder daheim!" Er kratzte den Schnee vom Boden, damit die Zwerge ihren Schatz schnell wieder fänden und ging heim. Vor Aufregung konnte er die ganze Nacht nicht schlafen, denn vor genau einem Jahr hatte er den Zwergen das erste Mal zu Gesicht bekommen. Wenn er ihn doch treffen könnte. Dann könnte er wenigstens nach den Jungen fragen und hören, wie es ihnen ginge.
Noch vor Sonnenaufgang stapfte Georg in den Wald. Weil es noch dunkel war, übersah er den Erzklumpen, der am Boden lag, stolperte darüber und fiel der Länge nach in den Schnee. Schimpfend und fluchend rappelte er sich auf.
"Ich hab dir schon einmal gesagt, du sollst nicht so schreien im Wald", hörte er es neben sich grummeln. Und siehe, da stand der kleine Mann. Sein Bart war nicht mehr grau, sondern schlohweiß und noch länger, als vor einem Jahr. "Du bist ein guter Mensch", sagte der Kleine. "Wieder hast du uns das Geschmeide zurück gegeben. Unser Silber hast du auch diesmal nicht angerührt. Nur die Jungen wolltest du wieder haben. Du sollst belohnt werden. Komm morgen wieder hier her. Aber komm nicht allein. Bring die Väter der neun Jungen mit, die mit deinem Sohn zu uns gekommen sind. Bringt Seile, Lampen und Spitzhacken mit, ihr könntet sie brauchen."
Den ganzen Heimweg lang grübelte Georg darüber nach, wie er die Männer dazu bringen konnte, am Weihnachtsmorgen mit ihm in den Wald zu kommen. Am Waldrand traf er Veit, der ihm entgegen kam.
"He, Versager", rief dieser, "warum kommst du zurück? Warum bist du nicht gleich im Wald geblieben, bei deinen Freunden, den Zwergen?"
"Das geht dich nichts an!" knurrte Georg. "Wo sind die anderen?"
"Die hocken in meiner Ratsstube beieinander und jammern über die Ereignisse vor einem Jahr!"
Das war für Georg ein gutes Zeichen. Er ging in sein Haus, das er seit einem Jahr nicht mehr betreten hatte, stieß die Tür zur Ratsstube auf und noch ehe irgend jemand etwas sagen konnte, rief er: "Wir können die Kinder zurück holen. Aber diesmal kann ich es wirklich nicht allein schaffen!"
"Du hast sie verloren", schrie Veit, der ihm gefolgt war, "also bring sie auch zurück!"
Doch einer der Väter, deren Söhne verschwunden waren, hob die Hand und sagte: "Hört zu Männer! Vor einem Jahr haben wir Georg im Stich gelassen und auf Veit gehört. Es ist nichts Gutes dabei heraus gekommen. Lasst uns diesmal auf Georg hören. Schlimmer kann es ja nicht mehr kommen!"
Die Übrigen stimmten ihm zu und so machten sich die zehn Männer am Weihnachtsmorgen in aller Frühe auf den Weg. Als sie den Felsen erreichten, war der Zwerg schon da. Die Männer, die noch am Abend zuvor so siegesgewiss den Kampf um ihre Söhne aufnehmen wollten, standen still und starrten den Kleinen an. "Da seid ihr nun, ihr Hasenfüße!" rief dieser. "Wo wart ihr denn, als euer Dorfältester im letzten Winter Holz holen ging? Wo wart ihr, als ich ihn bat, nicht allein zu uns zu kommen? Eure Söhne waren mutiger als ihr. Aber sei's drum. Es ist geschehen, was geschehen musste. Wir haben unser Wort gehalten und eure Söhne haben das eure eingelöst. Nutzt klug, was wir euch gegeben haben, dann werdet ihr keine Not mehr leiden." Nachdem er diese Rede gehalten hatte, die für einen Zwerg eine außergewöhnlich lange Rede war, berührte er den Felsen. Der schwang zur Seite und gab den Eingang zum Stollen frei. Heraus sprangen die zehn Jungen und fielen ihren Vätern um den Hals. War das eine Wiedersehensfreude. Niemand sah, wie der alte Zwerg sich leise abwandte und in den Stollen hinein ging. Nur Georg rief ihm nach: "Hab Dank für alles!"
"Alles… alles… alles…" hallte das Echo in der dunklen Höhle nach.
Da rief Georgs Sohn: "Leute, auch wenn heute Weihnachten ist, wir haben noch etwas zu tun. Der Eingang zum Stollen öffnet sich nur einmal im Jahr. Wir müssen einen zweiten Eingang in den Stein hauen, damit wir jederzeit in den Berg kommen. Beeilt euch." Mit vereinten Kräften schlugen sie einen Spalt in den Fels und sicherten ihn so, dass er sich nicht wieder schließen konnte. Am Weihnachtsabend aber saßen alle in der großen Stube des Dorfältesten, auch Georg, der diesen Posten an jenem Abend zurück bekommen hatte. Die Knaben erzählten, dass sie bei den Zwergen gelernt hatten, wie man Erz aus dem Berg haut, wie man daraus das Silber gewinnt und wie man aus dem Silber den schönsten Schmuck herstellen kann.
"Die Zwerge sind alt und haben keine Nachkommen in diesem Teil des Gebirges", berichtete Alexander. "Deshalb brauchten sie uns Menschenkinder, um uns ihr Handwerk beizubringen. Heute Nacht noch ziehen sie fort zu ihren Verwandten im Felsengebirge. Dort soll es Gold geben. Den Berg mit dem Silber haben sie uns überlassen."
Und so kam es, dass aus den Holzfällern die ersten Bergleute wurden. Das Gebirge, in dem sich all das vor sehr langer Zeit zugetragen hat, heißt heute noch das Erzgebirge.

Text: © Mira Wunder
Fotos: © Blechi

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